Nach dem Festival ist vor dem Festival

Was man in 4 Tagen alles lernen und erleben kann. 43. OpenOhr Festival Mainz.

Wir waren 4 Tage auf den OpenOhr Festival in Mainz, einem der ältesten Festivals Deutschland. Das hat man vor allem an der Zusammensetzung des Publikums gemerkt. Viele kommen schon seit Jahrzehnten, aber auch die 2. & 3. Generation war da. Gut für uns. “Nach dem Festival ist vor dem Festival”, war dann auch das Résumé der engagierten Festivalorganisator*innen nach einem langen spannenden Pfingstwochenende. Wie haben selten ein interessierteres und aufgeklärteres Publikum gefunden.

Dennoch gab es viele Fragen und unser Quiz war selbst für die Festivalbesucher*innen richtig kniffelig. Wir waren überrascht von der großen Resonanz, wo das Festival mit so viel politischem Programm, Theaterstücken und Podiumsdiskussionen aufwartet.

Trotz wilder Festivalparties und großer Tanzwut waren Veranstaltungen zum bersten voll bis auf den letzten Stehplatz im Podium- oder Theaterzelt. Selbst die leider sehr spät angesetzte Filmperle “Das Mädchenschiff”. Ein Film aus den Vorkriegsjahren zum Thema Mädchenhandel nach Südamerika. Perspektivwechsel aus den 30 er Jahren: Bürgerliche Töchter wurden aus Deutschland nach Rio de Janeiro gelockt. Außergewöhnlich zeitgemäß untermalt von einem elektronic music DJ  – 19th meets 21st  century. Um halb eins gingen bei mir aber die Lichter aus. Zum Glück wurde mir am nächsten Tag das Filmende von einer Quizspielerin erzählt.

Wir haben die Zeit auch genutzt die vielfältigen Veranstaltungen, zu besuchen. Hauptsächlich zu Themen die TERRE DES FEMMES abdeckt, wie Menschenhandel, Prostitution und Kinderarbeit.

Zum Beispiel das Podium „Vom Sexobjekt zur Billigware“. Interessant war auf der Podiumsdiskussion, dass das Publikum recht kritisch war zu den relativierenden Positionen der Grünen Politikerin Cordula Schulz-Asche und der Vertreterin von F.I.M., Gabi Schmitt, zum Thema Prostitution. Beide wollten die Rechte der Prostituierten gestärkt sehen, auch durch die aktuellen Änderungen der Gesetzgebung und waren der Meinung, dass man die Frauen in der Prostitution nicht als Opfer abstempeln dürfe und ihnen eine Eigenermächtigung ermöglichen müsse. Der Realitätscheck des Kriminalhauptkommissar Manfred Paulus hat dagegen ein ziemlich konträres Bild des Tagesgeschäftes in der Prostitution gezeichnet, dass wenig mit Selbstbestimmung und Achtung der grundlegenden Menschenrechte zu tun hat. Grudrun Mewes von der ifgbsg.org, die wir eigentlich auf dem Podium erwartet hatten, hätte diese Entwicklung sicher gefallen.

Gesinnungsmäßig fanden sich die Leute der alternativen Linken bei der Veranstaltung dann eher in der Position des ehemaligen Kripobeamten wieder, der aus seiner langjährigen Praxis der Polizeiarbeit rund um  Menschenhandel, Zwangsprostitution und organisierter Kriminalität erzählt hat. Auch bestimmt eine interessante Erfahrung. Nur die klare Zuordnung bestimmter Landsleute als Hauptakteure im Menschenhandel hat einigen Zuschauer*innen nicht geschmeckt. Aber die Entwicklung, wer wen, wann, wohin verschleppt, konnte Herr Paulus als Autor mehrerer Bücher zum Thema entsprechenden mit Statistiken und Zahlen nachzeichnen. Auch dass es natürlich schwierig ist vom Europaparlament zu erwarten, dass es die entsprechende Gesetzgebung macht, während im Großraum Strasbourg bei Sitzungen des EU Parlamentes die Deliktzahlen im Bereich Prostitution und Menschenhandel in die Höhe schießen und die finanzielle Ausstattung der Polizei seit Jahren gekürzt wird. Dabei hat er so ziemlich bestätigt was TERRE DES FEMMES seit Jahren beim Thema Prostitution feststellt. Das Gros der Frauen ist weder freiwillig noch enthusiastisch bei der Sache.

Noch krasser als das TERRE DES FEMMES Straßentheater „Frauen sind keine Ware“ hat das dann auch die Inszenierung „Kalbfleisch“ der Theatergruppe des Wiener MUK gezeigt, die mit Originalaussagen und Protokollen von Frauen in der Prostitution, Kommentaren von Freiern auf Prostituiertenbewertungsportalen und Zuhälterstatements aus Studien zur Soziologie von Freiern und Menschenhändlern ein Stück inszeniert hat, dass kaum auszuhalten war in seiner Härte und Grausamkeit. Es war aber eine außergewöhnliche multimediale Inszenierung mit sehr körperbetonten Tanz-und Bewegungssequenzen, daß man sich kaum aus dem Bann ziehen konnte und die Vielschichtigkeit der klassischen Lebensläufe wurden sehr packend inszeniert. Wie im richtigen Leben gab es dann auch doch den ein oder anderen Lacher, weil es in der Klarheit auch mal skurril und komisch wirkte und im ein oder anderen Machtgefälle der Akteure oder Machosprüchen hat das Publikum die Muster in Beziehungen generell wiedererkannt.

Auch die Nachbarstände auf der Hauptbühnenwiese waren ein Besuch wert. Attack, DGB, Internationale Justice Mission Deutschland e.V. (IJM), Aidshilfe, Nuklearer Abbau, FÖJ Deutschland Frankreich….besonders angetan hat es uns natürlich das #frei Armbändchen von der IJM.

Zum erden gab es jeden Morgen Yoga mit „Im Freiraum“ aus Mainz auf der Wiese und meine Lieblings-Acts waren die „Obszönitäten Chansons“ von Schnipo Schranke – niemand liebt so brutal rücksichtslos. The Inspector Cluzo, die Öko Rockfarmer aus der Gascogne, haben mit konkreten politischen Ansagen und ihrem Sound dafür gesorgt, dass wir das Ende von The White Stripes nicht mehr bedauern.

Hier findet ihr unsere Festivalfundstücke vom Quiz mit den Feminismus Definitionen der Quizteilnehmer*innen  und das Flyersammelsurium. Und natürlich unsere Lösungen. Die meisten sind wirklich toll und ermutigend, es gab nur zwei seltsame Begegnungen, nämlich von einem bekennenden Freier, der uns damit schockieren wollte. Da hatten wir aber schon härtere Brocken zu kauen im öffentlichen Raum. Und ein junger Mann der uns mit der  Quotendiskussion provozieren wollte, aber letztendlich sich auf unsere Sicht der Welt eingeschwenkt hat. Das fanden wir eher lustig und das Wetter war viel zu gute Laune, um sich über so was wirklich aufzuregen. Dazu gibt es zu viele positives und Mitstreiter*innen im Großen, im Kleinen, im Privaten oder im Stillen. Besonders gefreut hat uns das Interesse der Lehrer*innen und Erzieher*innen am Unterrichtsmaterial und Unterlagen von TERRE DES FEMMES.

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