The Cut von Beryl Magoko in der Naxoshalle

Volles Haus und ein intensives Filmgespräch zu einem schwierigen Thema – Neue verschärfte Gesetzeslage – FGM ist seit Juni in Deutschland ein eigener Straftatbestand

Bericht Iris Klose

Auch bei der dritten öffentlichen Vorführung von „The Cut“ im Kino der Naxoshalle war Terre des Femmes wieder aktiv dabei.

Dieses Mal kamen weit über 50 ZuschauerInnen, um sich Beryls Film anzuschauen. Damit dürften die drei Vorführungen im Rhein-Main-Gebiet schätzungsweise 200-300 Personen erreicht haben. Nicht gerechnet zahlreiche SchülerInnen, die in von Produzent Andreas Frowein organisierten Schulvorführungen mit dem Thema bekannt gemacht wurden. Ein gutes Stück intensive Aufklärungsarbeit wurde hier also geleistet.

Im Naxoskino blieben nach Ende der Vorführung die meisten ZuschauerInnen noch zum anschließenden Filmgespräch, dass von HR1-Redakteurin Petra Diebold ebenso professionell wie einfühlsam moderiert wurde. Sie war gut auf das Thema vorbereitet, leitete nach der betroffenen Stille, die sich am Ende des Films einstellte, sensibel in die Diskussion über und stellte den kenntnisreichen PodiumsteilnehmerInnen spannende Fragen. Auf dem Podium saßen neben der Regisseurin und ihrem Produzenten Petra Diabaté von der Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“, die auch das „Rhein-Main-Fachgremium gegen FGC/FGM“ leitet, und Dr. Jochen Müller vom Hessischen Justizministerium.

Petra Diebold gestaltete mit ihren Gästen eine intensive Fragenrunde, die das Thema Genitalbeschneidung/Genitalverstümmelung von der persönlichen Erfahrung Beryls beim Recherchieren und Drehen ihres Films, über die Situation in Kenia, in anderen afrikanischen und nichtafrikanischen Ländern bis hin zur Situation in Deutschland ausleuchtete.

Beryl berichtete von den Schwierigkeiten, denen sie bereits bei der Recherche für ihr Thema hatte, obwohl sie den Film in ihrem eigenen Dorf gedreht hat. Es galt die Verschlossenheit der Betroffenen, also der bereits beschnittenen jungen Frauen, zu überwinden, weil dieses Thema stark tabuisiert ist, sowie zahlreiche Feindseligkeiten, verletzende Beschimpfungen und Aggressionen auszuhalten, die ihr beim Bekanntwerden ihres Vorhabens entgegenschlugen. Auch Drehgenehmigungen zu erhalten, war nicht leicht. Die zuständigen Dorfältesten machten widersprüchliche Aussagen, der eine sprach sich für, der andere gegen das Unternehmen aus. Unkenntnis bei vielen, was überhaupt ein Film ist, machte die Kommunikation mit den Dorfbewohnern nicht leichter. Diese und viele andere Hindernisse stellten sich ihr in den Weg. Auf dem Beschneidungsfeld selbst durfte nur sie drehen, der Kameramann hatte hingegen Zutritt zum Ort der Jungenbeschneidung. Beide Orte liegen nur rund 100 Meter voneinander entfernt.

Umso bewundernswerter ist die Zielstrebigkeit, mit der sie ihr Vorhaben dann schließlich doch in die Tat umsetzte. Die Familie unterstützte sich nach anfänglichen Zweifeln an dem Projekt tatkräftig und half ihr mit liebevollem Trost über zahlreiche Verzweiflungsanfälle.
Engeren Kontakt konnte sie nur mit zwei der jungen Mädchen halten, die sich der Beschneidung unterzogen und die sie mit der Kamera dabei begleitete. Beide überstanden das Ritual halbwegs komplikationslos, eine von ihnen gab anschließend aber mangels Schulgeld den Schulbesuch auf und plant nun, sich bald zu verheiraten.

Die Fragen aus dem Zuschauerkreis beschäftigten sich mit den Gründen für die Beschneidung. Interessanterweise entstand dann eine Diskussion mit einer Zuschauerin, die nicht verstand, warum man in diesen Ethnien nicht glaube, dass der Mensch von Gott gut und vollkommen geschaffen sei und daraus den Schluss ziehe, dass man an diesem Geschöpf nicht herum manipulieren dürfe. Dieser Auffassung widersprach das Podium geschlossen mit dem Verweis darauf, dass derlei rationales Denken zwar Europäern, nicht aber Afrikanern vertraut sei, und man also dem Tatbestand so nicht argumentativ beikomme.

Notwendig sei langwierige, zähe Aufklärungsarbeit: „Information, Information, und nochmal Information“, so drückte Beryl es aus.

Wie stark der Einfluss der Tradition und des in den afrikanischen Gesellschaften sehr hohen sozialen Drucks ist, belegt eindringlich, dass Familien, selbst wenn wegen der Beschneidung ein Mädchen oder ein Junge stirbt, den Brauch fortsetzen werden. Beryl berichtete von dem tragischen Fall einer Familie, in der vier Kinder durch die Beschneidung zu Tode kamen und die dennoch damit weiter machten.

Für Überraschung bei einigen ZuschauerInnen sorgte dann noch die Tatsache, dass die Beschneidung sogar bezahlt werden muss und die Beschneiderinnen mit diesem „Beruf“ ihre finanzielle Existenz bestreiten können.

Beryl wies, auf eine Frage antwortend, darauf hin, dass sich in Kenia, wo bereits seit 2011 Beschneidung gesetzlich verboten ist,  nur sehr langsam etwas ändere. Immerhin gebe es aber schon mehr unbeschnittene Frauen, die auch verheiratet seien. Als einzige führe die Kirche jeweils kurz vor Beginn der Beschneidungssaison Kampagnen gegen den Brauch durch. Und – schwacher Trost – heute beschneide man „nur“ die Klitoris und nicht wie früher auch die kompletten Schamlippen.

Die Frage, inwieweit FGM/FGC auch in Deutschland relevant ist, beantwortete Petra Diabaté. Sie stellte u.a. die Arbeit von FIM vor und berichtete über die Schwierigkeiten, die auch hier bestehen, mit Betroffenen oder Gefährdeten in ein offenes Gespräch einzutreten. Die Angebote von FIM reichen von der Beratung betroffener Frauen hinsichtlich medizinischer Behandlungsmöglichkeiten bis zu präventiven Maßnahmen durch intensive Aufklärungsarbeit mit den hier ansässigen afrikanischstämmigen Communities.

Dr. Jochen Müller vom Hessischen Justizministerium erläuterte, daß der Bundestag am 27. Juni 2013 einen eigenen Straftatbestand FGM/FGC beschlossen hat. FGM/FGC kann damit von einem Jahr bis zu 15 Jahre Gefängnis bestraft werden. Er wies aber auch zugleich darauf hin, dass es bislang noch keine „Fälle“ gegeben habe, in denen Anklage erhoben habe. Der Straftatbestand betrifft nicht nur die eigentliche Handlung der Beschneidung, sondern auch alle Handlungen, die dazu führen – wie z.B. die Bestellung eines Tickets in das afrikanische Land, wo die Beschneidung durchgeführt werden soll, die Beauftragung einer Beschneiderin und ähnliches. Auf die Einlassung eines Zuschauers, der dieses Gesetz als Resultat der Diskussion um Jungenbeschneidung in der Bundesrepublik interpretiert sehen wollte, erwiderte Dr. Müller dezidiert, dass dies nicht der Fall sei, dass vielmehr um dieses Gesetz schon seit Jahren zwischen Ländern und Bund gerungen worden war. Im übrigen erläuterte er auf Nachfrage, dass die Bestrafung von FGM/FGC auch als „Auslandsstraftat“ an den Diskussionen mit den Bundestagsfraktionen gescheitert sei. Ohnehin sei es schwierig gewesen, FGM/FGC als Einzeltatbestand gesetzlich hervorzuheben, da es ja bereits immer unter den Begriff der Körperverletzung gefallen und somit ohnehin strafbar gewesen sei. Details zum neuen Gesetz gibt es auch auf der Website von Terre des Femmes.

Wie auch immer, auch Dr. Müller bestätigte, dass dieses Gesetz nicht zu einem schnellen Verschwinden von FGM beitragen werde. Es könne lediglich „ein Schild aufstellen“. Verändern müssen sich die Köpfe der Menschen.

Dass dies möglich ist, das hoffen alle auf dem Podium Versammelten. Beryls Traum ist, eines Tages aufzuwachen, und FGM/FGC ist von der Bildfläche verschwunden, Mädchen können unbeschwert spielen und lachen und brauchen die Beschneidung nicht mehr zu fürchten.
Hoffen wir alle mit ihr und arbeiten gemeinsam daran, dass dieser Traum eines Tages wahr wird!

Beryl hofft übrigens auf Sponsoren, die ihr ermöglichen, den Film ins Suahili und zur Beschaffung von Gerätschaften für ein mobiles Kino, mit dem sie ihren Film auf die Dörfer zu den Kuria und anderen Ethnien bringen will.

Nach  3 öffentlichen Veranstaltungen im Rhein-Main Gebiet  im Filmmuseum Frankfurt, Ledermuseum Offenbach und der Naxos Halle kann festgehalten werden, dass FGM/FGC ein breites Publikum interessiert. Im Deutschen Filmmuseum nahmen mehr AfrikanerInnen teil und kamen intensiv zu Wort.

Das Publikum war ansonsten sehr gemischt – Frauen und Männer aller Altersgruppen.
In Offenbach waren nur 2 Afrikaner auf Einladung von TERRE DES FEMMES da, dagegen waren aber interessierte deutsche Männer dabei, die sich mit dem Thema Sexualität auseinandergesetzt haben. In die Naxos Halle hingegen kamen mehr Frauen, auch ältere.
Zwei interessierte Afrikaner haben sich den Film ansehen und das Gespräch intensiv verfolgt. Einer von ihnen stammt aus Mali und wies nachdrücklich auf die dominante Rolle des Patriarchats und männlicher Machtansprüche im Zusammenhang mit FGM hin.

Hilfe finden betroffene Frauen – auch bei ungeklärtem Aufenthaltsrecht-Status – anonym und kostenlos in Frankfurt in der
Internationalen Humanitären Sprechstunde des Amt für Gesundheit (AfG)
Weitere Beratungsangebote gibt es bei
Maisha e.V.
FIM

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