Gezielte Abtreibung von Mädchen auch in Europa

Dass weibliche Embryonen in Indien oder China gezielt abgetrieben, weibliche Babys nach der Geburt oft tödlich vernachlässigt werden, ist mittlerweile bekannt. Dass dieser Feminizid aber auch in Europa und im benachbarten Kaukasus begangen wird, wissen die wenigsten. Wie die SZ in ihrer Ausgabe vom 2. Januar 2013 berichtet, kommen in Armenien und Aserbaidschan auf 100 Mädchen derzeit etwa 115 Jungen zur Welt, ähnlich ist es in Albanien mit 100 Mädchen zu 112 Jungen und im Kosovo und in Montenegro mit 100 zu 110 bzw. 100 zu 109 Jungen. Auch in Mazedonien lässt sich in Orten, wo viele Albaner leben, ein Ungleichgewicht in der Geburtenstatistik feststellen. Normal ist ein Geschlechterverhältnis bei der Geburt von 100 Mädchen zu 105 Jungen.

Allein in Asien fehlen 117 Millionen Frauen, weltweit 160 Millionen. Das demografische Gleichgewicht ist bereits empfindlich gestört. Und das hat u.a. zur Folge, dass die Gewalt gegenüber Frauen noch weiter zunimmt ebenso wie Menschenhandel und Prostitution.  Mehr Mädchen werden schon im Kindesalter zwangsverheiratet und mehr Frauen halten dem Druck, einen Sohn gebären zu müssen nicht stand und begehen Suizid.

Besonders die Fortschritte in der Pränataldiagnostik verschärfen die Problematik. Die Süddeutsche Zeitung titelt sehr treffend: Hightech erfüllt traditionelle Wünsche.

Die Erfahrungen weltweit zeigen auch, Gesetzesänderungen und Verbote allein verändern nicht die patriarchalischen Denkweisen und Strukturen. Es braucht die Überzeugung der Einflussreichen, es braucht Medien-Kampagnen zusammen mit neuen Gesetzen, damit Mädchen und Frauen nicht länger diskriminiert werden. Die Entwicklung in Südkorea ist dafür ein gutes Vorbild.

Was die Abtreibungspraxis in den o.g. Balkanstaaten anbetrifft, so verwundert es, dass die Europäische Union bisher sehr wenig Augenmerk darauf gerichtet hat. So wurde das Thema  offensichtlich bisher nur einmal im Europarat behandelt, auf Drängen der Schweizer Abgeordneten Doris Stumpf. Der Europarat hat aber keinen Einfluss darauf, ob ein Land der EU beitreten darf oder nicht.

Albanien und Mazedonien sind Beitrittskandidaten für die EU, Montenegro verhandelt  über einen Beitritt. Wie die grüne Europaabgeordnete Franziska Brantner erklärte, könne die EU zwar politisch Druck machen, rechtlich hat sie aber gegen die Beitrittskandidaten mit zweifelhafter Abtreibungspolitik keine Handhabe. Anders als im Falle Chinas falle die Familienpolitik in Europa nicht in den Bereich der  Menschenrechtspolitik sondern der Gesundheitspolitik.

Zwar gibt es erste Anzeichen, dem Thema auf politischer Ebene Aufmerksamkeit zu widmen, aber es ist kein Geheimnis, wieviel Energie und Zeit es braucht, patriarchalische Strukturen zu verändern, und andererseits wieviele Jahrzehnte die Folgen des Feminizids in einer Gesellschaft zu spüren sind.

Der Kampf für Frauenrechte geht weiter!

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