Nachschlag zum „Internationalen Gedenktag: Nein zu Gewalt an Frauen!“ 2012 in Frankfurt

Melanie Böckling ist eine junge angehende Journalistin, die sich für die ehrenamtliche Mitarbeit bei der Städtegruppe Rhein-Main interessiert und den Aktionstag am 24.11.2013 für uns dokumentiert hat. Wir finden interessant, was bei neutralen Beobachterinnen von einer Straßenaktion mit so vielen Protagonisten hängen bleibt. Hier der Bericht von Melanie Böckling:

Frankfurter zeigen Gewalt gegen Frauen die Rote Karte
Samstag, der 24. November 2012

Es ist fünf vor zwölf in Frankfurt und auch im Hinblick auf die allgegenwärtige Gewalt gegen Frauen ist es höchste Zeit, dass sich etwas ändert, meinen die Organisatoren der heutigen Initiative.

In wenigen Minuten beginnt daher die Frankfurter Straßenaktion zum diesjährigen „Internationalen Gedenktag Nein zu Gewalt an Frauen!“. Während auf der Zeil normalerweise hektisches Einkaufstreiben zu beobachten ist, herrscht heute auf dem Straßenabschnitt Höhe Hasengasse eine sehr konzentrierte Stimmung.

Zu wichtig ist dem Bündnis von Organisatoren das Thema, um das es hier heute geht. 1981 von lateinamerikanischen und karibischen Frauen ins Leben gerufen, ist der 25. November inzwischen zu einem weltweiten Gedenk- und Aktionstag der Frauenbewegung geworden.

Zahlreiche Ehrenamtliche bewegen sich entschlossen über den Platz, sprechen Passanten an, sammeln Unterschriften für einen größeren Schutz für Opfer der Zwangsprostitution oder verteilen Flyer für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt. Das Bündnis, bestehend aus dem Frauenverband Courage e.V., Terre de Femmes Rhein-Main, den Kreisverbänden der ASF, Die Linke, DKP und MLPD, die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt und zahlreiche Einzelfrauen arbeiten hier heute zusammen für einen gemeinsamen Zweck. Es gibt einen Pavillion mit gespendetem Kaffee und Kuchen zur Finanzierung der Aktion und einen Infostand mit Material zum Thema.

Zwischen den Bäumen sind auffällige Plakate und Transparente „für eine lebenswerte Zukunft“ von Frauen angebracht. Bernadette Leidinger, Orts- und Bundesvorsteherin des Frauenverbandes Courage e.V., übernimmt das Mikrofon, um die Straßenaktion zu eröffnen.

Ursprünglich wurde der „Internationale Gedenktag Nein zu Gewalt an Frauen“ vor 31 Jahren ins Leben gerufen, um der Ermordung dreier Widerstandskämpferinnen, gegen die Trujillo-Diktatur in der Dominikanischen Republik zu gedenken. Die drei Schwestern Mirabal, auch als „die Schmetterlinge“ bekannt, wurden am 25.11.1960 Opfer eines Mordanschlags durch das diktatorische Regime. 1999 übernahm auch die UNO den Tag als offiziellen Gedenktag.

Leidinger erinnert in ihrer Ansprache an diesen Ursprung des Tages und spricht sich energisch gegen alle Formen der Gewalt an Frauen aus. Sie berichtet von den vielen Gesichtern sexueller,häuslicher, psychischer und struktureller Gewalt, gegen das der Frauenverband Courage und alle Partizipierenden heute ein Zeichen setzen wollen. „Doch wir wollen nicht nur anklagen, sondern auch Mut machen!“, meint Leidinger versöhnlich und verweist auf die vielen Beispiele mutigen weiblichen Widerstands auf der ganzen Welt. Es ist dieser entschlossene Kampf für ein lebenswertes Leben aller Mädchen und Frauen, der heute mit dieser Aktion bestärkt werden soll.

Nun wird es für eine Minute richtig laut in der Frankfurter Innenstadt. Um symbolisch das
Schweigen zu brechen, wird sechzig Sekunden lang ordentlich Krach gemacht. Es wird gebrüllt, gepfiffen und mit den Füßen aufgestampft. Einige Anwesende zeigen der Gewalt gegen Frauen sinnbildlich die „Rote Karte“, auf der sie zuvor ihre Anliegen notiert haben.
Frauen müssen seit jeher lautstark für ihre Rechte eintreten, um gehört zu werden. Mit der Französischen Revolution und den damit verbundenen Forderungen nach der Sicherung der Menschenrechte traten auch die ersten Vorkämpferinnen für Frauenrechte auf. Seither ist viel erreicht worden, doch immer noch ist Gewalt gegen Frauen ein trauriger Bestandteil unserer Gesellschaft.

Grund genug für den „Frankfurter Beschwerdechor“ gut gestimmt und doch mit einer deutlich wahrnehmbaren Portion Empörung gegen diverse gesellschaftliche Missstände anzusingen. Neben „Brot und Rosen“, dem Lied der internationalen Gewerkschaftsbewegung, und einem Song über die Euro-Krise finden sie musikalisch klare Worte: „Mir geht’s schlecht. Kann denn bitte mal was anders laufen! Kann denn bitte mal was anders sein!“

Den Wunsch, die Realität von Frauen möge in Zukunft anders aussehen, teilen hier viele. Das offene Mikrofon bietet nun allen Anwesenden die Möglichkeit, sich an der Aktion zu beteiligen. Kurze Rede- und Diskussionsbeiträge sind erwünscht, um die große Bandbreite des Kampfes gegen Gewalt an Frauen zum Ausdruck zu bringen. Frauenfeindliche, faschistische und religiös fundamentalistische Kräfte werden ausdrücklich ausgeschlossen.

Eine junge Erzieherin ergreift als Erste das Mikrofon und kritisiert das Bild der bösen alten Hexe, wie es immer noch in vielen Kinderbüchern verbreitet werde. Man spürt ihre Entrüstung angesichts des Frauenbildes, das offenbar noch in den Köpfen vieler Menschen herrsche. Auch eine Lehrerin empört sich: „Ich bekomme mit, wie es Mädchen in der Familie wirklich geht!“.

Vertreterinnen der Menschenrechtsorganisation für Frauen und Mädchen, Terre des Femmes, sind ebenfalls zugegen. Die Städtegruppe Rhein-Main sammelt hier heute Unterschriften für eine Verbesserung des Aufenthaltsrechtes für Opfer von Zwangsprostitution. Dies ist dringend notwendig, denn laut deutschem Recht können Betroffene derzeit kaum längerfristig in Deutschland bleiben. Die schwer traumatisierten Frauen aus Nicht-EU-Staaten gelten rechtlich als illegal Eingereiste und können nur bis zum Ende des Strafverfahrens in Deutschland bleiben, wenn sie gerichtlich gegen den Täter aussagen. Nach der Abschiebung in ihr Heimatland erhalten die
Frauen weder eine Opferentschädigung noch eine psychosoziale Betreuung. Auf Leidingers Frage, ob die Prostitution, wie manche behaupten, ein Beruf wie alle anderen sei, antwortet die Terre des Femme Vertreterin mit einem entschiedenen „Nein!“. Viele Frauen steigen aus dem Beruf aus, spalten schon nach kürzester Zeit einen Teil von sich selbst ab und leiden an posttraumatischen Symptomen, die vergleichbar seien mit denen von Kriegsveteranen.

Auch Vertreterinnen und Vertreter der MLPD Kreis Rhein-Main, der DKP Kreis Frankfurt/Main und Die Linke Kreisverband Frankfurt melden sich gegen die gesellschaftlichen Missstände zu Wort. Eine junge Sprecherin der „Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt“ erläutert die Ergebnisse der Internetkampagne „Ich hab‘ nicht angezeigt, weil…“. Über tausend Menschen gaben im Rahmen dieser Aktion anonym an, warum sie die sexuelle Gewalt, die ihnen widerfahren ist, nicht anzeigten. Während die Sprecherin vorliest, macht sich eine betroffene Stille unter den Anwesenden breit: „Ich habe nicht angezeigt, weil der Täter ein Verwandter war“, „weil es als einvernehmlicher Sex eingestuft worden wäre“, „weil ich dachte, dass ich selber schuld war“, „weil es an Beweisen fehlte“, „weil ich ihn trotzdem geliebt habe“. Es scheint als müssen einige bei diesen Sätzen schlucken. Die Sprecherin appelliert angesichts der grausamen Realität, der viele Frauen ausgesetzt sind, dazu, sich im Kleinen aktiv für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.

Nach einem zweiten Auftritt des Beschwerdechors ergreift nun auch ein Mann das Wort, der mit seinen beiden kleinen Enkelinnen das Geschehen aufmerksam verfolgt: „Ich bin gegen jegliche Gewalt, sei es gegen Männer oder Frauen!“. Ein anderer kommentiert: „Es geht darum, das Selbstbewusstsein der Frauen und das Bewusstsein der Männer zu stärken!“. Er hält es für wichtig, politische Konsequenzen zu ziehen und das System in dem wir leben, das Menschen jedoch kaputt mache, anzugehen.

Nach mehr als eineinhalb Stunden der klaren Worte für die Rechte und Unversehrtheit von Frauen in unserer Gesellschaft scheint klar, dass zumindest hier niemand gewillt ist, gewaltsames Verhalten gegen Frauen zu tolerieren. Es herrscht eine Atmosphäre der Kraft und der Entschiedenheit. Dementsprechend resümiert Leidinger, die sich seit 1992 für die Belange von Frauen einsetzt: „Wir müssen weiterkämpfen. Und das geht nur organisiert!“.

Nach einem letzten „Brot und Rosen“ gehen die Kämpferinnen und Kämpfer gegen Gewalt an Frauen auseinander, um spätestens am 8. März zum Internationalen Frauentag erneut tätig zu werden.

© Melanie Böckling

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